Kinderlieder Musik wurde in den Familien immer mehr vernachlässigt

Die Wiederentdeckung des Singens

Um die verloren gegangene Tradition neu zu beleben, bieten viele Vereine Kurse an. Aus gutem Grund: Singen fördert die geistige Entwicklung kleiner Kinder.

Von Geneviève Wood

Musikpädagogin Kirsten Hanssen macht regelmäßig Musik. Sehr zur
Freude ihrer Töchter, der acht Jahre alten Juliane und der zwölfjährigen
Clara.

Musikpädagogin Kirsten Hanssen macht regelmäßig Musik. Sehr zur Freude ihrer Töchter, der acht Jahre alten Juliane und der zwölfjährigen Clara. Foto: Ott

Kinder können nerven. Am besten: ruhig bleiben und singen. Wie bitte? "Lieder können in Momenten, wo man genervt ist, helfen. Man bringt sich und die Kinder wieder runter", sagt die Musikpädagogin Kirsten Hanssen. Aber: "Viele Eltern singen nicht mehr mit ihren Kindern. Das Liedgut ist verloren gegangen." Damit Mütter und Väter Lust am Singen haben, widmen sich in Hamburg immer mehr Kurse der musikalischen Früherziehung.

Da sitzen erwachsene Menschen auf dem Teppich und klopfen mit den Händen auf die Knie und singen: "Seht, wer ist denn heute da?" Ihre Kinder machen es genauso. Und dann geht es reihum, bis Simon, Emma-Li, Jonathan (alle vier Jahre) und die anderen Kinder singend mit ihrem Namen begrüßt worden sind. Zu Besuch im Musikgarten von Kirsten Hanssen auf der Uhlenhorst. Rhythmik und musikalische Früherziehung heißt der Kursus für Kinder ab 3,5 Jahren. Beim nächsten Lied hantieren die Kleinen mit grauen Heizungsisolierrohren, die aussehen wie Rüssel, und singen von zwei Elefanten, die sich gut kannten und vergessen hatten, ihr Frühstück zu essen. "Törö!" Sieht lustig aus und macht anscheinend Spaß.

"Auf spielerisch-musikalische Weise werden die Kinder zum Fühlen, Hören und Bewegen angeregt", sagt Kirsten Hanssen. Das Singen fördere die sprachliche und emotionale Entwicklung und auch die soziale Kompetenz. "Kinder wollen von sich aus singen", sagt Wolfhagen Sobirey, Leiter der Staatlichen Jugendmusikschule.

Aber: Anders als die Eltern hier im Musikgarten, singen die meisten kaum noch mit den Kindern. Sobirey: "Sie legen stattdessen CDs auf. Beim Zubettbringen des Kleinkindes wird eine Spieluhr aufgezogen." Das Singen stecke in einer Vermittlungskrise. "Elternhaus, Kindergarten, Schule und Musikschule haben sich in den letzten Jahren als unfähig oder unwillig gezeigt, die angeborene Freude am Singen zu erhalten, sie aufzugreifen und zu entwickeln", sagt Sobirey. Wer das Singen fördern will, müsse damit früh anfangen, bereits in der Familie, in den Kindergärten. "Die Hirnforschung hat festgestellt, dass die

ersten Lebensjahre bis in die ersten Jahre der Grundschule dabei die entscheidenden sind." Sobirey will das Singen zurück in die Familien holen und setzt dabei auf Rituale: "Gute-Nacht-Lieder, Weihnachts- und Geburtstagslieder sollten selbstverständlich sein. Das nimmt die Hemmungen."

An der Staatlichen Jugendmusikschule gibt es das Eltern-Baby-Singen schon ab sechs Monaten. Die Nachfrage nach solchen Kursen ist häufig größer als das Angebot. Sobirey möchte Eltern Mut machen, sich an Kinderlieder zu erinnern und sie auch vorzusingen: "Je kleiner die Kinder, desto engagierter sind die Eltern. Das lässt dann später leider nach."

Schade. Denn: "Das Singen setzt bei Kindern Gefühle frei, öffnet ihre Seelen."

Weitere Informationen über Musikkurse gibt es unter www.jugendmusikschule-hamburg.de und http://www.musikgarten-hh.de/ sowie http://www.kidsgo.de/ oder http://www.kinder-hamburg.de/ im Internet.

erschienen am 5. März 2008